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Johannes-Passion Kirche Linsebühl St. Gallen

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St. Galler Tagblatt, 30. März 2002  www.tagblatt.ch

Ans Kreuz zur Quelle

Zeitgleich mit dem Passionskonzert in der Tonhalle sang die Bach-Kantorei Appenzeller Mittelland in der Linsebühlkirche Bachs Johannespassion, bei der zwei im Charakter gegensätzliche, ausgedehnte Chorsätze den Bogen über ein Drama spannen, das in der Wucht der Affekte, in der Vergegenwärtigung des Evangelienberichts beinahe opernhafte Dimensionen annimmt: eine Passionsmusik, die eine imaginäre Bühne für menschliche Verirrungen, aufgebrachte Emotionen, Fragen und Zweifel errichtet, das Heilsgeschehen in sprechenden Chorälen und in betrachtenden Arien reflektiert.
Der Chor spielt dabei die doppelgesichtige Hauptrolle, ist aggressive Menge und gläubige Gemeinde zugleich: ein anspruchsvoller Part, auf den sich die Bach-Kantorei unter der Leitung von Winfried Schnetzler hörbar gut vorbereitet hat. Zehn Jahre liegen seit der ersten konzertanten Aufführung der Johannespassion durch den Chor aus dem Appenzeller Mittelland zurück; die Wiederaufnahme zeichnet sich durch bewusste Formung und Gestaltung besonders der Choräle aus. Dem kleinen, auf historischen Instrumenten beweglich musizierenden Orchester «ad fontes» angemessen, ist der Chor von mittlerer Stärke, was den Chorälen zugute kommt, der dramatischen Aufwallung in den Turbae allerdings Grenzen setzt. Die Meditation des Erzählten tritt in dieser Interpretation vor der Theatralik in den Vordergrund und bringt die Qualitäten des Laienchores zur Geltung: klare Phrasierung und Akzentgebung, die Fähigkeit zur Klangdifferenzierung. Farbig und variantenreich macht sich die Continuogruppe, bestehend aus Cello, Gambe, Violone, Orgel und Laute, bemerkbar. Hans Jörg Mammel überzeugt als Evangelist mit einem verkündenden Gestus, der Tempo und Sprachakzent souverän einzusetzen vermag. Auch die Tenorarien kommen der lyrischen Biegsamkeit seines Timbres entgegen. Strahlend und plastisch ist Christine Essers Sopran, eindringlich treffen Elizabeth McQueen (Alt) und Samuel Zünd (Bariton) den Affekt ihrer Soloarien. Michael Leibundgut singt den Jesus mit verhaltenem Ausdruck und führt in der Bassarie den fragenden Chor zur Quelle: zum Kreuz nach Golgatha.
Bettina Kugler

 

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