Mittwoch, 12.06.2002 - Der Landbote Winterthur
RHEINAU: BACHS JOHANNESPASSION IN DER KLOSTERKIRCHE
Tiefste Gefühle und höchste Dramatik
Bei der Aufführung von Bachs Johannespassion in der Rheinauer Klosterkirche haben die Stimmen und Instrumente den dieser Musik innewohnenden Reichtum an Affekten und Stimmungen voll ausgeschöpft.
THEO AMMANN
Bach, der Urprotestant, im katholischen, mit einer gewaltigen Marienkrone prunkenden Rheinauer Gotteshaus? Die Schilderung von Gerichts- und Richtszenen inmitten schönster Architektur und Landschaft? Das Genie des grössten aller Kirchenmusiker überspringt an diesem Abend alle Vorbehalte und nimmt die grosse Schar der Zuhörenden hinein in ein zuweilen atemraubendes Wechselspiel der Gefühle.
Welche Ausdruckskraft steht dem «fünften Evangelisten», wie man Bach schon genannt hat, zu Gebote! Fast körperliche Schmerzen erzeugen die Dissonanzen des Einleitungssatzes, die sich mit den flehenden «Herr! Herr!»-Rufen des Chores zu einem bewegenden «De profundis» verdichten. Das ungekünstelte, obertonreiche Timbre der historischen Instrumente verträgt sich bestens mit den kultivierten Klängen des jegliche oratorienhafte Machtentfaltung vermeidenden Chores. So mag man's vor bald dreihundert Jahren in der Leipziger Thomaskirche erlebt haben.
Nach dem Unheil verheissenden Prolog wird Seite um Seite des johanneischen Passionsberichtes aufgeschlagen. Betroffen und zugleich bewundernd hört man den Rezitativen des alle Register seiner Kunst ziehenden Tenors Hans-Jörg Mammel zu. Hier ist ein ausdrucksstarker, stimmlich hochbegabter Sänger am Werk, der seinem Part – dieser Symbiose von urwüchsigem Lutherdeutsch und genialer Stimmführung – nichts schuldig bleibt. Dramatische Gesten liegen dem Träger der Evangelisten-Rolle ebenso sehr wie – man denke an Jesu Abschiedsworte an seinen Lieblingsjünger – die stillen, innigen Töne.
Aber auch die anderen Vokalsolisten verdienen hohes Lob. Allesamt zeichnen sie sich durch klare, angenehm vibrato-arme Stimmen aus, denen nichts Opernmässiges anhaftet. Der glockenhelle Sopran von Christine Esser und die bei aller Gefühlstiefe gradlinig-unsentimentale Stimme der Altistin Elizabeth McQueen fügen sich ebenso gut ins Gesamtbild dieser Aufführung ein wie die hoheitsvoll vorgetragenen Jesusworte des Bassisten Michael Leibundgut. Bemerkenswert auch die Leistung des Baritons Samuel Zünd, der den Pilatus nicht als plumpen Bösewicht, sondern als fast schon sympathischen Zweifler darstellt und sich – wie sein Bassist-Kollege – auch als Ariensänger bewährt.
Und alle diese für Bach-Interpretationen bestens geeigneten Vokalisten, deren Auswahl vom stilistischen Gespür des Dirigenten Wilfried Schnetzler zeugt, können sich bei ihren Soli aufs «Accompagnement» durch das erstklassige und «mit allen barocken Wassern gewaschene» Orchester «Ad Fontes» verlassen. Fazit für die Zuhörenden: Man schwelgt in Klangfarben, lernt Nuancen kennen, die einem bei konventionellen, sich auf ein modernes Instrumentarium stützenden Aufführungen verborgen geblieben sind, und dringt so noch tiefer hinein ins Geheimnis der Bachschen Textauslegung.
Gedämpfter Volkszorn
Es mag durchaus Absicht sein: das von Bach so realistisch in Töne gesetzte Geheule des aufgehetzten Pöbels wird vom Chor (Bach-Kantorei Appenzell Mittelland) zwar präzis angegangen, aber nicht überforciert. Ein Stück «political correctness» auf einem biblischen Terrain, das zuweilen schon antisemitische Sumpfblüten hervorgebracht hat?
Umso inniger dafür das Nachempfinden der in den wundersamen Chorälen komprimierten Gefühle der christlichen Gemeinde. Welche Intensität des Chorklanges und dies bei jeglichem Verzicht auf romantisierende Kunstgriffe! Selbst beim berühmten Schluss-Choral «Ach Herr, lass dein lieb Engelein» widersteht der Dirigent allen Versuchungen, mit – vom Komponisten gewiss nicht gewolltem – triumphalistischem Getöse die Zuhörenden «von den Sitzen zu reissen». Ganz im Gegenteil! Der von Bach nach dem ergreifenden «Es ist vollbracht» im Schlussteil der Passion angestimmte «stille Ton» – dieser Hauch von Versöhnung und Abendfrieden – wird bis zur allerletzten Choralzeile durchgehalten.
Und so folgt dann auf das in der Weite des barocken Rheinauer Kirchenraumes sanft verklingende «Ich will dich preisen ewiglich» ein langes, ergriffenes Schweigen, das erst nach dem abschliessenden Glockengeläute in lebhaften Applaus übergeht.






