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Dienstag 11. Juni 2002, Region
Hinreissend schön gesungen
Rheinau. Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion als Hörer mitzuerleben ist immer ein grossartiges Fest, das vielleicht nur noch davon übertroffen werden kann, selber mitsingen zu dürfen. Die Bach-Kantorei Appenzeller Mittelland stellte sich am Sonntag unter der Leitung von Wilfried Schnetzler dieser Herausforderung in der Klosterkirche zu Rheinau und gestaltete zusammen mit dem Orchester Ad fontes eine gelungene Aufführung, die sich so recht in das barocke Ambiente dieses prachtvollen Gotteshauses einfügte.
Zwar eignet sich der Kirchenraum mit seiner etwas diffusen Akustik eher für homophone Werke und widersteht ein wenig der fein ziselierten Polyphonie der Bach'schen Oratorien, bereitete so dem zahlenmässig nicht allzu grossen Chor bisweilen doch etliche Mühe, sich durchzusetzen, aber dieses Handicap wurde weitgehend aufgefangen durch eine sehr engagierte Singweise, die auf dem Fundament einer überzeugend sicheren Einstudierung ruhte.
Inszeniertes grosses Welttheater, in Musik umgesetzt, das ist im Kern diese Passionsmusik, und die wichtigste Rolle darin übernimmt der Evangelist, der Erzähler, der die Texte aus dem Evangelium verkündet. Hier ist Hans-Jörg Mammel, Tenor, zu würdigen, der es verstand, das dramatische Geschehen in einem mitreissenden Sprechgesang zu schildern, so, wie es die Rezitative Bachs verlangen, der aber auch ebenso ausdrucksvoll die lyrischen Passagen wiedergab, wie etwa die einmalig schöne Stelle «und weinete bitterlich». Aber auch die anderen Solisten, Christine Esser, Sopran, Elizabeth McQueen, Alt, Samuel Zünd, Bariton, als Pontius Pilatus und Michael Leibundgut, Bass, als Jesus standen hinter dieser Leistung nicht zurück.
Die Johannes-Passion gilt im Vergleich zu anderen Chorwerken Bachs als die kleinere, noch mehr im Detail ausgearbeitete, und vergeistigt allegorische Passion mit unglaublich vielen Feinheiten, die hohe Ansprüche an die Gestaltungskunst der Interpreten stellen. Hier wirkten sie alle zusammen, die Bläser in «Ich folge Dir» und ebenso im hinreissend schön gesungenen «Zerfliesse», die Gambe in «Es ist vollbracht», ein kleiner Auswahlchor mit den verteufelt heiklen Einsätzen im «Eilt» - es war schon ein wirklicher Genuss.
Streiten liesse sich über die Choräle, die zwar viel Detailarbeit erkennen liessen, deren Fermaten meist auch dann ausgehalten wurden, wo der Text geschlossen weiterdrängt, und auch im Schlusschoral vermisste man die Steigerung, wo die Erlösung der Menschen durch den Tod Christi noch einmal aufgenommen wird und wo Bach an der Stelle «mich, erhöre» im Bass sich selbst mit den Noten H-C-A-B in dieses ergreifende und zugleich dankbar jubelnde Schlussgebet einschliesst. Doch ist dies eine Frage der Interpretation und nicht der Wertung. Das Publikum wartete still fünf Minuten bis nach dem Läuten und dankte mit einer Standingovation.
Manfred Zürcher
Klosterkirche






