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Andelfinger Zeitung, Mittwoch, 27. September 2000 (www.andelfinger.ch)

Bach «à discrétion» in Rheinau

ta. Drei Kantaten und das «Magnificat»! Mit einer Fülle sondergleichen hat der zu Rheinaus Stammgästen gehörende Chor am frühen Abend des 24. September seine Zuhörerschaft beschenkt. Assistiert wurde er dabei vom auf historischen Instrumenten musizierenden «Ad fontes»-Ensemble samt einem untadelig singenden Vokalquintett.

Hier stimmt nun alles, fürs Auge und fürs Ohr: inmitten der bunt herausgeputzten Barockarchitektur ein musikalisches Geschehen, das farbiger und stilvoller kaum sein könnte. So etwa mag's einst in der Leipziger Thomaskirche geklungen haben. Aber wohl etwas weniger perfekt, denn es ist kaum anzunehmen, dass sich Johann Sebastian Bach auf so schlackenlos singende und musizierende Mitstreitende verlassen konnte, wie es der Dirigent Wilfried Schnetzler tun kann. Beim «Ad fontes»-Ensemble vereinigen sich historische Authentizität und ein hoher technischer Standard, sodass seine Mitglieder mit der barocken Klangpracht ebenso zurecht kommen wie mit den «stillen Klängen». Und von dieser Instrumentalgruppe begleitet und umspielt leisten die Vokalsolistinnen und -solisten Vorzügliches. Dorothea Frey (Sopran 1), Nadja Schnetzler (Sopran 2), Hermann Oswald (Tenor) und Wolf Matthias Friedrich (Bass): allesamt stellen sie den Wohlklang ihrer Stimme und ihre ganze Ausdruckskraft in den Dienst des Bachschen Genius.

Der Jubel, der Trost und dazwischen die Predigt des Kontratenors
Mit dabei beim Gang durch die Bachschen Schatzkammern ist der die Altpartien singende Christopher Robson. Ungewöhnlich für manche Konzertbesucher: ein Mann, der – wie's in der Barockzeit üblich gewesen ist – jenes Repertoire beackert, das nachher zweihundert Jahre lang als Frauensache gegolten hat. Der aus Schottland stammende Christopher Robson ist Solist in der Kantate «Geist und Seele wird verwirret», was ihm die Möglichkeit gibt, seine in allen Lagen satt und wohl klingende Stimme aufs Ausgiebigste und mit viel Gespür für Expressivität einzusetzen. Eingeleitete werden die beiden Teile der Solokantate durch bewegte Orchestersätze, die den hurtigen Fingern des ausgezeichneten Organisten Markus Märkl viel abverlangen. Der wohl unter Zeitdruck stehende Bach hat diese zwei Stücke, die aus in jungen Jahren komponierten und heute verschollenen Instrumentalkonzerten stammen, später und glücklicherweise einem «kirchenmusikalischen Recycling» unterworfen und sie so der Nachwelt erhalten. Vor und nach dem Solowerk, das über weite Strecken hinweg den Charakter einer musikalischen Predigt hat, türmen sich zwei grossartige Kantaten auf, die mit je einem Eingangschor und einer Schluss- Strophe der Kantorei Gelegenheit bieten, ihre Qualitäten unter Beweis zu stellen. In den beiden trompetenseligen und den Choral «Lobe den Herren, den mächtigen König» ausdeutenden Ecksätzen der ersten Kantate wird beschwingt und wenns sein muss auch kraftvoll gesungen. Und im Einleitungssatz der sich vom Schmerzlichen zum Tröstlichen hinwendenden Kantate «Jesu, der du meine Seele» kontrastieren die – ihre chromatischen Linien intonationssicher nachzeichnenden – Chorstimmen aufs Bewegendste mit dem Klanggewebe des Orchesters. Zwischen den Eckpfeilern der beiden Werke aber lässt Bach durch die Vokal- und Instrumentalsolisten eine ganze Musterkarte von hoch inspizierten und klanglichen aparten Einzelstücken präsentieren, darunter das berühmte und überaus klangmalerische Sopran-Duett «Wir eilen mit schwachen, doch emsigen Schritten».

Lobgesang auf einen Lobgesang
Den Abschluss dieses – fast empfindet man es so – «Bach à discrétion» darbietenden Konzertes macht das «Magnificat», diese ebenso komprimierte wie gefühlsintensive Auslegung des marianischen Lobgesangs. Auch hier begegnet man – dem Dirigenten sei Dank – einer ausgewogenen Ensemble-Leistung. Besonders eindrücklich der selten zu hörende milde Klang der beiden Traversflöten, aber auch das majestätische von Trompetenklängen überglänzte «Gloria» des Chores. Und nicht zu vergessen die von Bach mit allen Mitteln musikalischer Drastik ausgestatteten Warnungen an die Adresse der Reichen und der Mächtigen. Hier kommt eine Maria zu Wort, zu der das Gold der über dem Rheinauer Altar schwebenden Himmelsköniginnenkrone nicht so recht passen will.

Langer, sehr langer Beifall drückt die Dankbarkeit der beglückten Zuhörenden aus. Ob sich unter den Klatschenden auch schaffhausische Bachfest-Verantwortliche befinden? Wenn ja, wie wäre es mit einer Anfrage an Wilfried Schnetzler und an seine «Bachkantorei Appenzeller Mittelland»?

   
© Bach-Kantorei