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Schaffhauser Nachrichten, Freitag 29. September 2000, Region (www.shn.ch)

Höchste Ansprüche eingelöst

Die Bach-Kantorei Appenzeller Mittelland hat, ihrem Namen entsprechend, ein Programm mit vier Bach-Werken einstudiert und sie am vergangenen Wochenende aufgeführt, zuerst in heimischen Gefilden in Teufen und anderntags im einzigartigen Rahmen der Klosterkirche Rheinau.

Dirigent Wilfried Schnetzler hatte dafür nicht nur seine Sängerinnen und Sänger bestens vorbereitet, sondern auch das Ensemble «ad fontes» aufgeboten. Überdies war ein Quintett von Vokalsolisten verpflichtet worden, das höchsten Ansprüchen genügte.

Zum Auftakt erklang die fünfteilige «Ratswahlkantate»: «Lobe den Herren» (BWV 137), in welcher Bach den altbekannten Choral auf geniale Weise immer wieder aufklingen lässt, unüberhörbar, wenn er ihn im Eingangschor dem Sopran zuordnet oder am Schluss mit Trompetenglanz zitiert. Nur versteckt hört man ihn im Duett von Sopran und Bass; einzigartig ist die Tenorarie, in welcher das a-Moll der Singstimme und des Continuos mit der C-Dur-Melodie der Trompete verbunden ist. Die riesige Spannweite des musikalischen Ausdrucks, kennzeichnend für Bachs Passionen, ist zu erspüren in der Kantate «Jesu, der du meine Seele» (BWV 78): ein kunstvoller, auf der Passacaglia aufgebauter Eingangschor, ein liebliches Duett von Sopran und Alt, ein dramatisches Bass-Rezitativ und ein schlichter Choral zum Ausklang, das alles instrumentiert mit bestens eingesetzten Solo-Instrumenten - da ist wirklich der ganze Bach zu hören!

Schliesslich das «Magnificat», für Weihnachten 1723 geschrieben: Hier konnte der Chor zeigen, dass er technisch und musikalisch hohen Ansprüchen genügt; schön gerundeter Klang in allen Registern, sicher die Einsätze, fein differenziert die Dynamik, und - nachdem am Anfang die Trompeten zu stark dominierten - in schönem Einklang mit den Instrumentalisten. Sowohl als Ensemble wie auch solistisch boten «ad fontes» Hervorragendes: An vorderster Stelle ist Markus Märkl zu erwähnen, der am Orgelpositiv ein immenses Pensum zu bewältigen hatte, stets präsent, technisch virtuos, musikalisch sich nach Bedarf unterordnend oder dominierend - grosses Kompliment! Vorzüglich auch die Bläser: Flöten, Oboen und Trompeten.

Grossen Anteil am guten Gelingen hatten die Solisten. Dorothea Frey überzeugte in Arien und Ensembles mit ihrem glockenhellen Sopran, samtig timbriert, nie forciert eingesetzt, zart aufblühend in den hohen Lagen, musikalisch beseelt; es war, wie immer, eine Freude, sie zu hören. Nadja Schnetzler, die zweite Sopranistin, war nur im Magnificat gefordert: Sie löste ihre Aufgaben gut. Ein Sänger von europäischem Format war für die Alt-Partien engagiert: der Schotte Christopher Robson, ein Counter-Tenor von ungewöhnlicher Fülle und fast heldischem Glanz in den hohen Lagen, mit barockem Gesangsstil bestens vertraut, die Rezitative intensiv gestaltend, die ariosen Partien fein nachziehend: ein Gast, der die Zuhörer begeisterte. Daneben blieb der Tenor Hermann Oswald etwas blasser, obschon auch er mit sauber geführter lyrischer Stimme seinem Part schönes Profil gab. Markant neben ihm der Bass Wolf Matthias Friedrich, zwar eher hell im Timbre, doch bestens fundiert in allen Lagen, mit sauberer Diktion, zugriffig in den Rezitativen, schön ausschwingend in den Arien, auch er ein hervorragender Konzertsänger. Das grösste Kompliment verdient jedoch der Dirigent Wilfried Schnetzler: Er war ein idealer Koordinator zwischen Chor, Orchester und Solisten.

 

Werner Raths

Klosterkirche Rheinau Bach-Kantorei Appenzeller Mittelland

   
© Bach-Kantorei