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Die menschliche Vergänglichkeit im Spiegel der Musik

Im Rahmen der «Rheinauer Konzerte» in der Klosterkirche führten die «Bach-Kantorei Appenzeller Mittelland» zusammen mit dem «Ensemble ad fontes» unter der Leitung von Wilfried Schnetzler zu einem aussergewöhnlichen musikalischen Genuss. Hochstehend war sowohl die Wahl der Werke von Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach, dem sich der Chor besonders verbunden und verpflichtet fühlt, als auch deren beispielhafte Interpretation. Alte Musik in historischer Aufführungspraxis von Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach wurde zur eindrücklichen religiösen Betrachtung über die Vergänglichkeit menschlichen Seins im Hinblick auf die Verheissung ewigen Lebens. Überzeugend in Ausdruck und Intonation und mit ideal aufeinander abgestimmtem Timbre erfüllten die sechs Solisten Annette Labusch und Nadja Schnetzler, Sopran, Beat Mattmüller, Altus, Hubert Saladin, Tenor, Samuel Zünd, Bariton, und Helmut Seidenbusch, Bass, ihre anspruchsvollen Aufgaben sowohl als Solisten, Favorit- als auch Capellsänger. Die aus gut 30 Sängerinnen und Sängern bestehende Kantorei stand diesen punkto Ausgewogenheit der Stimmen, kultivierter, unforcierter Klanglichkeit und sprechender rhetorischer Diktion in nichts nach. Die «Musikalischen Exequien» von Schütz, eine Begräbnismusik, die sich vor allem durch ihren deklamatorischen, gelegentlich textausdeutenden Stil als meditatives Klangstück auszeichnet, erhielten somit eine würdige Interpretation, assistiert von einer beweglichen, aufmerksamen Instrumentalgruppe, die speziell auch mit der Basstheorbe ein farbiges Kolorit bekam. Venezianische Mehrchörigkeit kam zum Teil auch in den folgenden kleineren geistlichen Konzerten und Motetten von Schütz immer wieder zum Erklingen. Der Komponist brachte diese Technik bekanntlich aus erster Hand von Gabrieli aus San Marco nach Deutschland mit, wo er italienische Stilmerkmale mit lutherischer Theologie musikalisch wegweisend zu verschmelzen wusste. Besonders eindrucksvoll und dramatisch expressiv gestalteten die Musizierenden die kontrastreichen, wortausdeutenden Bilder des dreichörigen Konzertes «Saul, Saul, was verfolgst du mich» mit räumlich verteilter Aufstellung. Das berückende Klangbild des Schlafes und strahlende Tutti bei der letzten musikalischen Überhöhung «Der wird die Himmelstür auftun» hätte das Schütz-Konzert bereits zu einem runden Abschluss führen können, und man fürchtete fast, durch die andere Stilwelt Johann Sebastian Bachs aus dem besinnlichen Nachklang herausgerissen zu werden. Mit Bachs Kantate «Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit», dem sogenannten «Actus tragicus», sollte das Thema des reichbefrachteten Konzertes noch eine letzte Steigerung erfahren. Eine eigenwillig doppelt langsam und feierlich getragen gespielte Eingangssonatina charakterisierte treffend die Stimmung des wunderbaren Jugendwerks des Meisters und brachte das ganze Instrumentarium des «Ensemble ad fontes» aufs schönste zum Klingen. Farbig inspiriert und rundum überzeugend wirkte das aussagekräftige Werk, das den ergriffenen Zuhörern einen tiefen Eindruck hinterliess.

Gisela Zweifel-Fehlmann

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