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Anspruchsvolle Aufführung von Händels «Messias» am Bettag

Ein wunderschöner Spätsommertag lud zum Besuch der Klosterkirche Rheinau ein, die im sinkenden Sonnenlicht ganz besonders festlich funkelte und zur Besinnlichkeit an diesem sich neigenden Bettag aufrief. Dass dies durch ein Konzert geschah und nicht durch einen Gottesdienst, wie das traditionellerweise üblich ist, missfiel allerdings dem Klosterpfarrer, der vor Beginn der Aufführung seinen Protest anmeldete. Doch ist zu hoffen, dass sein Unmut sich gelegt hat, als er der nachfolgenden Aufführung beiwohnen konnte. Denn kaum ein Kunstwerk hätte den Zusammenhang dieses Tages mit dem christlichen Hintergrund eindrücklicher manifestieren können als Georg Friedrich Händels Oratorium «Der Messias». Das riesige, fast dreistündige Werk ist in der kurzen Zeit von rund drei Wochen entstanden, und so ist es nicht nur in einem Guss, sondern gewissermassen in einem Wurf resultiert: Die Fülle von Chorstücken, Soli, Duetten und zweier Orchestersätze zeugen von einem unglaublichen Einfallsreichtum, weisen in Stil und Formbehandlung jedoch ein sehr einheitliches, organisch ineinandergreifendes Bild auf. Gewiss ist der dritte Teil, der nach den Gruppen Advent/Weihnacht - Leben/Wirken Christi nun der Verherrlichung und Lobpreisung gewidmet ist, etwas in die Länge gezogen und verfügt nicht mehr über die stringente Straffheit der vorherigen, doch ist auch er von jenem ganz speziellen Händelgeist erfüllt, der über die geistliche Grundhaltung hinaus von festlicher, freudiger, auch musikantischer und vor allem von grandioser Art ist. Denn Händel war - wir haben es beim Anhören des «Solomon» vor einer Woche in Neuhausen bereits erlebt - eine überlebensgrosse Natur, die generöse Gebärden, Virtuosität und Glanz liebte und auch tiefe Gefühle sehr direkt anging. Es gastierte die Bach-Kantorei Appenzeller Mittelland, und wer Bach singen kann, kann in der Regel auch Händel singen: Dirigent Wilfried Schnetzler bewies mit seiner Sängerschar, dass die Ansprüche an stimmtechnische wie den Chorklang betreffende Aspekte dieser grossen Partitur durchaus zu erfüllen waren. Vor allem beeindruckte die Sattelfestigkeit in den polyphonen Stücken, eine gute dynamische Skala erlaubte plastische Gestaltungen, sichere Intonation garantierte klaren Klang. Da historischer Aufführungsstil beabsichtigt und die Anzahl der Sänger beschränkt war, wurde auf Üppigkeit verzichtet, und auch die grossen Chorsätze wurden schlank und gut durchhörbar dargestellt. In diesem Sinne wirkte auch das Ensemble «Ad fontes», das auf historischen Instrumenten spielt, gleichgesinnt mit: Flüssige Tempi wurden von ihm beweglich und oft brillant aufgenommen, die Steifheit der unvibrierten Tongebung durch eine gewisse Flexibilität aufgefangen, eine wunderbare Trompete überhöhte die mächtige Bassarie «The trumpet shall sound», an Orgelpositiv und Cembalo amteten Continuospieler versiert ihres Amtes. Gemeinsam mit dem Chor gestalteten auch die Instrumentalisten die vielen oft überaus frappanten Tonmalereien mit, die von Zeit zu Zeit bildhaften Charakter annahmen, etwa das aufsteigende «Aufgehen der Herrlichkeit», das Prasseln des Feuers, der sanfte Klang des Friedens und manche andere mehr. Zu den Qualitäten dieses epochalen Werks gehört auch die gleichwertige Verteilung der vokalen Solistenparts, und ein besonderer Geniestreich Händels ist der Einsatz des Soprans an letzter Stelle, nämlich erst im Moment, wo den Hirten die Engel mit der Weihnachtsbotschaft erscheinen. Und wirklich himmlisch erklang hier die samtweiche und wunderbar schwebende Stimme der Ruth Amsler, die auch später mit der Geschmeidigkeit ihres Gesangs viele berührende Ausdrucksmomente vermittelte. Elizabeth Bachmann-McQueen verfügt über einen tragenden, kraftvollen und dennoch sehr expressiven Alt, sie war es natürlich auch, die das schönste Englisch sprach, die Originalsprache des Werkes, in der es vorgetragen wurde und die nicht von allen Sängern gleich gut beherrscht wurde. Dennoch rechtfertigte sich die Wahl dieses Idioms selbstverständlich, weil der Sprechtonfall in allen Belangen stimmte und auch die Musik dergestalt voll zur Wirkung kommen liess. Tenor Hermann Oswald und Bassist Wolf Matthias Friedrich vermochten ebenfalls sehr zu überzeugen mit plastisch gestalteten Rezitativen und in den Arien oft virtuosen Partien, der erste auf distanziertere, sehr würdige, der letztere auf temperatmentvolle und stellenweise höchst dramatische Weise. Allen Ausführenden wurde für die anspruchsvolle und respektgebietend präsentierte Leistung von einer zahlreichen Hörerschaft am Schluss der Aufführung mit sehr herzlichem Beifall gedankt.

Rita Wolfensberger

   
© Bach-Kantorei